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Zaudern - Zeit des Übergangs.
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 500 REZENSENT) Rezension bezieht sich auf: Über das Zaudern (Broschiert) Vogl (1957- ) hat ein sehr interessantes Buch vorgelegt, ein Buch, welches vielleicht nie Antworten gibt, weil es eine einzige Frage ist. Wie kommt man zu diesem Gedanken, wird man ebenso fragen und nun bleibt nichts anderes übrig, als in die Gedanken der vielen Begleiter auf dem Weg des Zauderns einzusteigen.
Eigentlich lag es nahe für mich, Besonnenheit und Zaudern zu verbinden. Doch diesen Punkt fand ich nicht bei Vogl, man könnte ihn aber als besondere Form des Zauderns ergänzen. Besonnenheit hat eine notwendige Beziehung auf sich selbst, auf das Wissen darüber, DASS man weiß, nicht jedoch, WAS man weiß. So fand ich bei Platons "Charmides" und in der Lektüre von Schiller ist Wallensteins Monolog sehr bekannt: "[...] nicht zurück, wie's mir beliebt / ich muss die Tat vollbringen, weil ich sie gedacht." Vor der Tat und nach dem Gedanken, es tun zu müssen, ist dieser Satz der Inbegriff des Zauderns, der kleinen Leere. Auch die zusätzliche Zeit, die man sich gibt, über das Kommende, Zukünftige noch einmal zu reflektieren. Die Tragödien Aischylos haben diesen Moment des Innehaltens und doch führen sie wie in der Orestie in den Tod. Die Zeit der Reflexion mag nicht lang genug gewesen sein. Wir stehen an der Weggabel mit Laios und Ödipus, mit Kreon und Antigone.
Vor einiger Zeit rezensierte ich Freuds Ansichten über den Moses des Michelangelos. Moses Rückkehr vom Berg Sinai, die Gesetzestafeln unter dem Arm, wird als Kontext verwendet. Das Goldene Kalb als mögliche Ursache einer unsäglichen Wut, der Zorn im Blick offensichtlich und in der Körpersprache bereits gebannt, machen die Faszination der Freudschen Betrachtung Moses aus. Und auch Freud sieht den an- und aufgehaltenen Helden, nicht den strahlenden nach der vermeintlichen Gottesbegegnung. Vogl nennt Freud auch einen Zauderer, vielleicht zu Recht, denn Freud, so Vogl, wollte den nicht-biblischen Moses erfinden und damit der Geschichte einen anderen Verlauf geben. Oder anders: Vogl interpretiert die Beschreibung Freuds als selbstbezüglich.
Vogl überlegt zu Recht, dass das Zögern zwischen zwei Schritten an sich nicht nötig wäre, aber indem Menschen es tun, Wichtiges von statten zu gehen scheint. Es ist, als ob ein geistiger Leerlauf stattfindet zwischen Handeln und Handeln, zwischen Tat und Tat. Für Vogl in Anlehnung an Deleuze sind die Zauderer eine indirekte Darstellung der Zeit.
In der Betrachtung des Voglschen Zauderns fand ich den Zizekschen Begriff des Realen verwandt. Zizek (Das Reale des Christentums) mit Lacan spricht hier von bicepteur: etwas, was weder dem einen A noch dem anderen B angehört, sondern dazwischen im ausgeschlossenem Schnittpunkt liegt. So ist in dieser Entzweiung derselben Sache lediglich die Perspektive ausschlaggebend. Und zwischen dem Wechsel von Perspektiven liegt eine kleine Lücke, eine, wenn man so will, juristische Sekunde mit {0}, die den Übergang von Denkverhältnissen wie Besitzverhältnisse regelt. Und diese einfache, doch sehr bedeutsame Lücke zwischen zwei Perspektiven ist das eigentlich Reale. Das Reale im Anderen liegt hinter dem eigentlichen Vordergründigen und um es zu erreichen, muss das Zerstörerische greifen.
Und hierin liegt die Chance des Zauderns, nämlich in der Leere Neues zu gebären, was die automatische Folge in die nächste gewöhnliche Tat zerstört. Auch in Vogls Schrift ist jederzeit diese Lücke. Diese Geisteswissenschaft weist, wenn man so will, darauf hin, sich dieser Leere als Chance anzunehmen, wenn man auf Sinn- und Richtungssuche ist. Die Leere, die Lücke als Geburtsstätte von Neuem. Aber! Wie spontanes Handeln ist Zaudern dann ebenso als Tat zu betrachten, unter gleichen Gesichtspunkten des Rechts, der Philosophie, der Theologie. So wie man der Tat eine Gefahr unterstellt, ist sie schlecht, muss auch dem Zaudern gleiches unterstellt werden, wirkt es verhindernd zum Guten.
Es ist Silvester, der Übergang ins nächste Jahr ist vielleicht die Chance, die Leere, die Lücke, das Reale als Neuanfang zu entdecken, so wie Schiller seinen Wallenstein zum Jahrhundertwechsel (1800) zum Zauderer im Meer der Möglichkeiten machte.
Allen Lesern ein gutes Neues Jahr 2008.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 31. Dezember 2007 |