von
,



 
Ecos später Rückzug
• • • •   (bewertet mit 4 von 5 Punkten)

Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Die Grenzen der Interpretation (Taschenbuch) Umberto Eco war bekannt geworden als ein Interpret, der die Offenheit von Kunstwerken bezüglich ihrer Interpretation verfocht. Alles schien interpretatorisch möglich - so stimmte der jung Eco in den Chor ein, dessen andere Sänger Iser, Jauß, Rorty und viele andere waren.
In seiner Spätzeit trat Eco einen leichten und geordneten Rückzug an. Anfang der 90er erstmals erschienen, bestimmt Eco nun "Grenzen der Interpretation". Interpretationen sind nunmehr nicht mehr allein von der Absicht des Lesers (intentio lectoris) bestimmt, sondern maßgeblich von den Strukturen, die im Werk selbst eine Rolle spielen (intentio operis). Diese hat der Interpret zu ermitteln, und zwar so, daß er sich einen Modell-Leser erarbeitet, der einen idealen Verständnishorizont für den jeweiligen Text hätte. Anhand dieses Modell-Lesers lassen sich dann auch bestimmte Interpretationen überprüfen. Verkürzt gesagt: was Eco macht, ist die Anwendung der Popperschen Erkenntnistheorie auf die Hermeneutik: Zwar ist die Verifikation einer Interpretation nicht möglich (denn unendlich viele Interpretationen sind "richtig"), dafür lassen sich aber bestimmte Interpretationen eindeutig falsifizieren.

Eco hat für dieses Werk, das nach meinem Dafürhalten aber durchaus in seiner eigenen Tradition steht und glänzende Anregungen enthält, Prügel bezogen. Man schimpfte ihn einen Strukturalisten - aber das hat er nicht verdient.

Letztlich bleibt noch ein Bezug zu setzen: wie so oft, hat sich Ecos Philosophie auch auf die Literatur ausgewirkt: Sein Roman "Das Foucaultsche Pendel" ist zeitgleich entstanden und ist die konkrete Anwendung der "Grenzen der Interpretation", indem es die (im Roman sogar lebensbedrohlichen) Konsequenzen einer Überinterpretation eines mittelalterlichen Dokuments zeigt, das sich letztlich nur als Einkaufsliste erweist.

Insgesamt: auch und gerade wegen der reichhaltigen Nachwirkungen auf Literaturwissenschaft, Philosophie und Theologie ist Ecos Spätwerk eine unverzichtbare Lektüre. Auch wenn man ihm nicht in allen Punkten zustimmen mag, wird man doch eine starke Bereicherung erfahren.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 26. Juni 2003
Kundenrezensionen:
1. Ecos später Rückzug (die aktuell angezeigte Rezension)
Zur Übersicht ...
 
Angebote zu
 ab 1 Euro!

Siehe auch folgende Artikel:
Zeichen: Einführung in einen Begriff und seine Geschichte (edition suhrkamp)Die Suche nach der vollkommenen Sprache
Quasi dasselbe mit anderen Worten: Über das Übers...
Einführung in die Semiotik (Uni-Taschenbücher S)
Lector in fabula: Die Mitarbeit der Interpretatio...
Das offene Kunstwerk (suhrkamp taschenbuch wissen...
Zeichen: Einführung in einen Begriff und seine Ge...
Mehr zu  Germanistik,  Semiotik,  Kulturwissenschaften,  Literarische
Home ...,    
,    Begleitseite ...
Herausgeber dieser Seite ist DomainLoc.com GmbH - Partner von

Copyright © DomainLoc.com GmbH (Impressum)